GEDANKENÜBERSCHUSS

PERFEKTIONISMUS UND PROKRASTINATION: AUF DER SUCHE NACH DEM VERMEINTLICHEN

 

Als Kind ließ ich Türen grundsätzlich offen stehen. Meine Entscheidungen wiederum traf ich gänzlich unbedacht der Möglichkeit einer Tür, einer simplen Lösung, und zog es vor, den Weg durch die Wand zu gehen: mühsamer als die offenkundig einfachere Variante, nicht immer erfolgreich, aber zumindest im Bereich dessen, was ich für erstrebenswert hielt. Heute – über ein Jahrzehnt später, nicht mehr in den Kinderschuhen steckend, aber mich doch irgendwie noch nicht wirklich erwachsen fühlend – habe ich zumindest eine dieser Angewohnheiten abgelegt. Der Höflichkeit wegen.

 

Und auch wenn ich mittlerweile gelernt habe Türen zu schließen, so fühle ich mich in offenen Räumen doch nach wie vor wohler, bergen sie doch die Möglichkeit, eine Entscheidung wieder umkehren zu können – den Raum ganz einfach, ungehindert einer Barriere, wieder verlassen zu können, wenn es mir darin nicht gefällt.

 

Türen im Mauerwerk der Möglichkeiten wahrzunehmen und als Entscheidungsvariante zu begreifen ist nicht immer einfach. Warum den erstbesten Weg wählen, wenn stattdessen die Oberfläche jenes Mauerwerks auf ihre Substanz und Widerstandskraft untersucht werden kann: Risse und Unregelmäßigkeiten werden aufgetan, Fehler gesucht, um die bestmögliche Stelle zum Durchburch zu finden und plötzlich ist die Tür, die eben noch zu sehen war, vergessen. Denn wer weiß, vielleicht gibt es ja einen besseren Weg? Einen perfekteren Weg?

 

Und so stehe ich auch heute oft vor der Wand und taste mit meinen Fingern über die mal glatte, mal poröse, mal raue Oberfläche und frage mich, wann ich ihn endlich finde: meinen perfekten Weg – denn die Wand stets auf eigene Faust durchdringen zu wollen, hinterlässt Spuren. Ich warte, viel zu lange. Starre aus dem Fenster, warte noch ein bisschen mehr und beobachte das bunte Treiben, die Abenteuer der anderen, die aus der Entfernung so perfekt erscheinen; makellos wie eine verputzte Wand aus der Distanz. Und komme von der Erkenntnis nicht los: Perfektionismus und Prokrastination liegen erstaunlich dicht beieinander. Zumindest in meinem Kosmos.

 

Sich selbst als Perfektionisten zu bezeichnen, etwa wenn man in einem Vorstellungsgespräch nach seinen Schwächen gefragt wird, hat stets einen etwas fahlen Beigeschmack, schließlich strebt unsere Gesellschaft nach nichts mehr als dem vermeintlich Perfekten: den Bestnoten im Studium, der perfekten Beziehung, der perfekten Figur. Perfektionismus kann also gar keine Schwäche sein – schreit diese Eigenschaft doch gerade nach: „Ich bin fähig, ich gebe nicht auf, sondern immer mein Bestes.“ Oder doch?

 

Mich selbst habe ich lange nicht als Perfektionistin bezeichnet, schließlich war das, was ich da gerade zustande brachte, in meinen Augen weit davon entfernt, perfekt zu sein. Eine gute Leistung? Vielleicht. Mit etwas Glück ausreichend, um Anerkennung zu gewinnen – aber perfekt? Sicher nicht. Erst vor kurzem verstand ich, dass viele meiner Verhaltensmuster und meine Unzufriedenheit mit meiner Arbeit viel mehr mit Perfektionismus in Verbindung stehen, als ich dachte. Denn Perfektionismus bedeutet eben nicht, immer eine perfekte Leistung zu vollbringen. Ganz im Gegenteil: ist nicht gerade der Anspruch, Perfektion zu erreichen oft auch ein Grund, etwas nicht zu tun, vergeblich auf den entscheidenden Einfall zu warten und schlussendlich, eingeschüchtert von der scheinbar riesigen Aufgabe, die vor einem liegt, aufzugeben? Gar nicht erst anzufangen und sich die Zeit prokrastinierend zu vertreiben, ist schließlich einfacher, als auf halber Strecke zu erkennen, dass man etwas noch nicht kann.

 

Heute weiß ich, dass es perfekt gar nicht gibt. Sicherlich, diese Momente, in denen wir denken, genau das hier, dieser Augenblick, diese Person, dieses Etwas ist perfekt. Aber eben diese Perfektion ist letztendlich doch ein rein subjektiver Eindruck und deshalb sollten wir uns, zu unserem eigenen Wohl, von dem Gedanken, stets perfekt sein zu müssen lösen. – Und nein, dies ist kein Widerspruch dazu, sich grundsätzlich hohe Maßstäbe zu setzen. Realismus ist der entscheidende Faktor. Aber solange die bloße Angst davor, Perfektion nicht zu erreichen, einen Anfang verhindert, kann auch das realistischste Ziel nicht erreicht werden. Eine weise Person sagte mir kürzlich: „Tu’s doch einfach, denn wichtig ist, dass du anfängst.“

 

Türen zu suchen, die noch niemand zuvor gefunden hat und durch Wände gehen zu wollen, nur um doch wieder von ihnen abzuprallen und hin und wieder eine lichte Stelle im Mauerwerk, die Hoffnung auf mehr macht, zu entdecken, ist mir schon lange nicht mehr genug. Und auch das sehnsüchtige Warten vor dem Fenster, von dem aus ich bislang die Welt beobachtete, scheint seine Zeitgrenze erreicht zu haben. Eine Tür zu passieren ist vielleicht der gewöhnliche Weg, aber aus dem Fenster zu klettern bietet sicherlich die größere Geschichte. Und wer braucht schon perfekt, wenn das Leben vor einem liegt?

 

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