GEDANKENÜBERSCHUSS

HEUTE IST ES NICHT OK.

 

Diesen Text wollte ich schon so viel früher schreiben: damals, als genau 70 Tage vergangen waren, nachdem ein paar Zeilen einer Nachricht das Vertrauen, das ich mir mühsam zu erkämpfen versuchte, mit einem Schlag zerschmetterten. Damals, als ich an der Kreuzung diese eine U-Bahn vorbeifahren sah und immer noch die selbe Wehmut verspürte wie beim ersten Mal, als ich dich nach deinem Entschluss zufällig am Bahnhof traf.

Seitdem ist viel Zeit verstrichen, weitaus mehr Zeit als wir geteilt haben, und ich habe weitergemacht mit meinem Alltag, habe versucht mich aufzurappeln, mich meinen Krisen zu stellen, mich unabhängig zu machen, von vielerlei Dingen. Und ich habe gewonnen: eine wunderbare Handvoll Personen, bei denen ich wahrlich ich sein darf, mit allen Facetten und Verrücktheiten; die schneller mein Zuhause geworden sind, als ich zu hoffen gewagt habe. Mit diesem Rückhalt habe ich erneut versucht, Vertrauen zu fassen, und habe erneut geweint um das, was hätte sein können, aber nicht wurde.

 

 

 

Doch, trotz meiner Heimat inmitten meiner Freunde, fühle ich in dieser, meiner Stadt nicht mehr das sichere Umfeld, das mich noch vor diesen 70 Tagen umgab, denn ich sehe dich. Nicht mehr nur in meinem Kopf, nein. Ich sehe dich an meinen Orten; den Plätzen, die ich schon seit Jahren frequentiere, ohne dass sich unsere Wege auch nur einmal gekreuzt hätten. Und plötzlich sehe ich wieder uns. Sehe, wie wir, die Hände verschlungen, durch die Straßen schlendern, nebeneinander die Umgebung auf uns wirken lassen, die Frühlingssonne aufsaugen. Aber das ist schon lange nicht mehr die Realität, denn real ist, dass du längst ein anderes Mädchen küsst. Eines, das du hoffentlich mit mehr Aufrichtigkeit behandelst als mich, das du nicht in die Ecke stellst, sobald das erste Problem ersichtlich wird. Vor allem aber hoffe ich, dich endlich hinter mir zu lassen. Doch wie soll das bloß gehen, wenn unsere Wege sich kreuzen, wieder und wieder. Wenn du mein Leben festhältst, obwohl ich kein Teil deines Lebens mehr sein darf. Wenn meine Wunde, die ich für verschlossen hielt, mit jeder erneuten Begegnung ein kleines bisschen mehr aufreißt, während du von alledem nicht das Geringste ahnst, denn du siehst weder meinen Schmerz, den du schon damals billigend in Kauf genommen hast, noch mich. Und heute, heute ist es nicht ok.

 

HUNDERTACHTUNDSIEBZIG TAGE SPÄTER.

 

 

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GEDANKENÜBERSCHUSS

HERBSTGEDANKEN

 

Der Herbst ist eine Zwischenzeit, genau wie der Frühling. Er verbindet die Extreme Sommer und Winter und ist dabei noch so viel mehr als nur die Brücke zwischen heißen Sommertagen und eisigen Winternächten. Seit ich denken kann symbolisiert der Herbst für mich eine Art des Neubeginns; ermöglicht zweite Chancen, um endlich die Vorsätze einzuhalten, die seit dem tatsächlichen Jahresbeginn brach liegen und definiert so einen Startpunkt für all das, was in der Zeit bis zum nächsten Sommer passieren kann und soll. Doch irgendwie hat sich in all den Jahren nie etwas grundsätzlich verändert. Ja, ich bin eine Klasse weitergerückt, habe dann ein paar Jahre später mein Studium begonnen und bin ausgezogen. Aber darüber hinaus? Letztendlich bin ich ja doch immer ich selbst geblieben, auch wenn ich gerade das manchmal gar nicht wollte.

 

ALTE BRÜCKEN UND BEWUSSTE WEGENTSCHEIDUNGEN.

Dieses Jahr fühlt sich all das anders und dabei trotzdem überhaupt nicht nach einem Neubeginn an. Und das, obwohl sich für mich dieses Jahr tatsächlich sehr viel verändert hat. Denn Brücken abzubrechen, dies bewusst zu tun und nicht nur darauf zu warten, dass sie einstürzen und so die Wegentscheidung vorwegnehmen, erfordert Mut und Kraft – und obwohl ich viele Dinge mittlerweile klarer sehe, hadere ich mit meinen Entscheidungen und hoffe, auf lange Sicht die richtigen getroffen zu haben. Und so befinde ich mich momentan selbst in der Zwischenzeit; in meinem ganz persönlichen Herbst. Dabei konnte ich als Kind beim besten Willen nicht verstehen, warum auch nur eine Person den Herbst mögen sollte. Schließlich brachte er nicht nur graues, trübes, nasskaltes Wetter mit sich, sondern auch die Erkenntnis, dass die Sommerferien endgültig vorbei waren. Für ein kindliches Gemüt sicherlich nicht die besten Aussichten.

 

 

MANCHE DINGE ENTSTEHEN STILL UND LEISE,  ENTWACHSEN AUS DEM NOTWENDIGEN.

In gewisser Weise fühle ich mich gerade wieder wie am Ende der Sommerferien – wortwörtlich, schließlich stehe ich gerade am Beginn eines neuen Semesters – und fühle mich gleichzeitig davon seltsam losgelöst, befinde mich auf mehreren Ebenen und Zeitachsen, die ihren Ursprung in den letzten Monaten finden, aber gleichzeitig schon bis in die folgenden Monate, wenn nicht gar Jahre, reichen und so den Herbst als Definition des Beginns zum ersten Mal seit langem ablösen. Und irgendwie ist da auf einmal diese Freiheit, die mir auf dem Weg vom Kindergarten zum Jetzt abhanden gekommen ist und nicht in Zeit oder anderen Gütern zu bemessen ist; Freiheit, die eigentlich Selbstbestimmung ist, wie ich nun immer mehr verstehe. Dass manche Dinge still und leise entstehen, mit einem kleinen, unbedeutend scheinenden Entschluss, ehe sie sich als größere Lebensentscheidung zu erkennen geben, geht damit einher. Sie entwachsen nicht dem Vorsatz etwas verändern zu wollen, dem zwanghaften Umsortierten des Vorhandenen, sondern sprießen aus dem Notwendigen. Für mich besteht Freiheit darin, sich das Notwendige ein- und zuzugstehen.

 

 

VOM WANDEL UND LOSLASSEN ALTER MEINUNGEN.

Wann genau ich begonnen habe, den Herbst zu mögen weiß ich nicht. Ich kann keinen Zeitpunkt benennen, in dem sich meine Meinung wandelte, in dem mir die Tristesse, die der Herbst so oft mit sich bringt, plötzlich egal war. Stattdessen ziehe ich mich mittlerweile gerne zurück, hinter die raue Fassade, die das Herbstwetter vor mir aufbaut und mir die beste Entschuldigung gibt, mich mit einem warmen Wollpullver bewaffnet auf die Suche nach neuen, richtungsweisenden Gedanken zu begeben, anstatt dem ungefilterten Leistungsdruck zu verfallen.

 

 

STUTTGART, IM OKTOBER 2017