AUSGESPIELT · GEDANKENÜBERSCHUSS

HUNDERTEINUNDFÜNFZIG TAGE

Ich bin planlos. Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich keine Route, an der ich mich entlang hangele, während ich versuche, die Erwartungen zu erfüllen, die an einen Menschen gestellt werden, der in hunderteinundfünfzig Tagen sein Studium beenden wird.

Natürlich ist das nur eine Seite der Wahrheit; denn ich habe Pläne. Ziemlich viele sogar. Ich habe eine Idee davon, wo ich irgendwann einmal sein, habe Pläne, die ich gerne umsetzen möchte; eine imaginäre Liste von Dingen, die ich in meinem Leben erreichen will. Aber was genau ich nach Ablauf eben dieser hundereinundfünfzig Tagen tun werde, das weiß ich nicht. Und irgendwie fühlt es sich genau richtig an, zum ersten Mal planlos zu sein.

Seit ich denken kann, wusste ich immer, was der nächste Schritt sein würde. Spätestens aber seit ich vor fast zehn Jahren begann Kontrabass zu spielen und damit die Entscheidung traf, Musik zu studieren. Diesen Entschluss verteidigte ich seitdem, und das obwohl mir die Berufsrealität als Kind einer Musikerfamilie schon immer bekannt war. Und so pendelte ich wöchentlich zwischen meiner Heimat am Bodensee und Stuttgart, um dort an der Musikhochschule Unterricht zu nehmen, bereitete mich auf Wettbewerbe und Probespiele vor und befand mich somit schon während meiner Schulzeit mitten in einer Berufsausbildung, während ich gleichzeitig mein Abitur abschloss. Was anstrengend klingt, war für mich lange genau das, was ich tun wollte; auch wenn eine kleine Stimme in meinem Kopf mich schon damals immer wieder fragte, ob ich meiner Sache so sicher bin.

 

 

Lange habe ich diese Stimme in meinem Kopf ignoriert, weil ich überzeugt war, dass ich meinen Weg gefunden hatte. Ebenso ignorierte ich das nagende Gefühl, das sich einstellte, wann immer ich meine Studienwahl in Frage stellte. Zugeben zu müssen, dass ich unglücklich mit meinem Studium bin, kam für mich einem Versagen gleich, das ich nicht annehmen konnte. Stattdessen sah ich mich mit dem Klischee eines Musikerlebens konfrontiert, das ich nicht erfüllen konnte und auch nicht mehr erfüllen wollte, als ich schließlich realisierte, dass ich nicht mehr bereit war, einen Weg zu verfolgen, der mich nicht erfüllte.

So bin ich während meines Studiums vielleicht nicht zu der Kontrabassistin geworden, die ich einmal sein wollte, habe aber dafür viele Dinge über mich gelernt, die ich vermutlich niemals erfahren hätte, hätte ich einen anderen Weg gewählt. In hunderteinundfünfzig Tagen schließe ich ein Kapitel und ich hoffe, dass ich es dann als das annehmen kann, was es ist: eine Zeit, in der ich mich gesucht habe und der Antwort auf diese Frage, ein großes Stück näher gekommen bin. Und was im nächsten Kapitel folgt? Ich weiß es nicht, aber ich freue mich, zum ersten Mal die Freiheit zu haben, genau das ohne einen Fahrplan herauszufinden.

 

TAG EINS

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GEDANKENÜBERSCHUSS

HEUTE IST ES NICHT OK.

 

Diesen Text wollte ich schon so viel früher schreiben: damals, als genau 70 Tage vergangen waren, nachdem ein paar Zeilen einer Nachricht das Vertrauen, das ich mir mühsam zu erkämpfen versuchte, mit einem Schlag zerschmetterten. Damals, als ich an der Kreuzung diese eine U-Bahn vorbeifahren sah und immer noch die selbe Wehmut verspürte wie beim ersten Mal, als ich dich nach deinem Entschluss zufällig am Bahnhof traf.

Seitdem ist viel Zeit verstrichen, weitaus mehr Zeit als wir geteilt haben, und ich habe weitergemacht mit meinem Alltag, habe versucht mich aufzurappeln, mich meinen Krisen zu stellen, mich unabhängig zu machen, von vielerlei Dingen. Und ich habe gewonnen: eine wunderbare Handvoll Personen, bei denen ich wahrlich ich sein darf, mit allen Facetten und Verrücktheiten; die schneller mein Zuhause geworden sind, als ich zu hoffen gewagt habe. Mit diesem Rückhalt habe ich erneut versucht, Vertrauen zu fassen, und habe erneut geweint um das, was hätte sein können, aber nicht wurde.

 

 

 

Doch, trotz meiner Heimat inmitten meiner Freunde, fühle ich in dieser, meiner Stadt nicht mehr das sichere Umfeld, das mich noch vor diesen 70 Tagen umgab, denn ich sehe dich. Nicht mehr nur in meinem Kopf, nein. Ich sehe dich an meinen Orten; den Plätzen, die ich schon seit Jahren frequentiere, ohne dass sich unsere Wege auch nur einmal gekreuzt hätten. Und plötzlich sehe ich wieder uns. Sehe, wie wir, die Hände verschlungen, durch die Straßen schlendern, nebeneinander die Umgebung auf uns wirken lassen, die Frühlingssonne aufsaugen. Aber das ist schon lange nicht mehr die Realität, denn real ist, dass du längst ein anderes Mädchen küsst. Eines, das du hoffentlich mit mehr Aufrichtigkeit behandelst als mich, das du nicht in die Ecke stellst, sobald das erste Problem ersichtlich wird. Vor allem aber hoffe ich, dich endlich hinter mir zu lassen. Doch wie soll das bloß gehen, wenn unsere Wege sich kreuzen, wieder und wieder. Wenn du mein Leben festhältst, obwohl ich kein Teil deines Lebens mehr sein darf. Wenn meine Wunde, die ich für verschlossen hielt, mit jeder erneuten Begegnung ein kleines bisschen mehr aufreißt, während du von alledem nicht das Geringste ahnst, denn du siehst weder meinen Schmerz, den du schon damals billigend in Kauf genommen hast, noch mich. Und heute, heute ist es nicht ok.

 

HUNDERTACHTUNDSIEBZIG TAGE SPÄTER.

 

 

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